Übersetzerischer Mut

n.kessler_1Übersetzte Texte sollen – vor allem im belletristischen Bereich – den Geist der Originaltexte atmen. Aber sie sollen sich auch wie ein guter deutscher Text lesen. Es ist daher immer ein schmaler Grat, auf dem Übersetzer und deren Lektoren wandeln. Dennoch gibt es auch einige objektivierbare Kriterien, anhand derer man die Qualität der eigenen Arbeit überprüfen kann.

Übersetzungen lektorieren
In dem Seminar „Übersetzungen zielsicher redigieren“ an der Akademie der deutschen Medien ging es um diese Kriterien. Und zusammen mit elf weiteren Teilnehmerinnen übte ich den kritischen Blick auf Übersetzungen. Die Referentin Christiane Buchner gestaltete die zwei Tage sehr praxisnah. Obwohl im Mittelpunkt eher belletristische Texte standen, konnte auch ich als Übersetzerin von Fachtexten und Essays sehr davon profitieren. Betrachtet wurde immer das Sprachenpaar englisch -> deutsch. Welche typischen Fallstricke ergeben sich aufgrund der unterschiedlichen grammatikalischen Strukturen? Welche Formulieren lassen einen deutschen Text nicht falsch, aber eben auch nicht idiomatisch klingen?

Übersetzung im Geist des Originals
Oft hilft es schon, die Informationen im übersetzten Satz neu zu ordnen, um den inhaltlichen Schwerpunkt für den deutschen Leser an die richtige Stelle zu bringen, oder schwerfällige Passagen entweder in mehrere Sätze aufzulösen oder eines der praktischen deutschen Modalpartikel zu verwenden. Auch bei der Übertragung der im Englischen so beliebten Doppelung von inhaltsgleichen Worten oder der oft eher farblosen Verben ist übersetzerischer Mut gefragt. Wem es gelingt, sich hier vom Ausgangstext zu lösen und mit einer typisch deutschen Formulierung Stimmung und Anliegen des Originaltextes zu vermitteln, der schafft eine Übersetzung im Geist des Originals – genau das Ziel einer guten Übersetzung!

Es waren zwei inspirierende Tage mit vielen praktischen Tipps zur kritischen Überprüfung der eigenen Übersetzungsarbeit und bereichernden Diskussionen über einzelne konkrete Passagen, für die im normalen Arbeitsalltag leider oft auch viel zu selten Zeit ist.

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