Interkulturelle Kompetenz beim Simultandolmetschen

Interkulturelle Kompetenz beim SimultandolmetschenKulturelle Unterschiede verschwinden nicht, nur weil sich Kommunikationsbeteiligte mit unterschiedlichen Muttersprachen einer gemeinsamen Sprache – meist des Englischen – bedienen. Im Gegenteil kann dies sogar sehr leicht zu Missverständnisse führen. Als Dolmetscher wissen wir das grundsätzlich. Doch sind wir uns dessen auch wirklich immer bewusst? Meine Kollegin, Diplom-Dolmetscherin Regina Prokopetz, hat sich in ihrer Masterarbeit näher mit diesem Thema auseinandergesetzt und ihre Ergebnisse in einem Fachartikel zusammengefasst.

Die kulturelle Brille
Interkulturelle Kompetenz beginnt beim Bewusstsein für die eigene Kultur, für die kulturelle Brille, durch die jeder einzelne von uns die Welt betrachtet. Erst wenn wir in der Lage sind, diese Brille abzunehmen und bewusst eine andere aufzusetzen, sind wir zu einem Perspektivenwechsel in der Lage. Dann werden wir uns bei der Vorbereitung auf einen Dolmetscheinsatz auch mit der Kultur der jeweiligen Vortragenden auseinandersetzen. Je mehr wir über deren kulturelles Umfeld wissen,  desto besser können wir der Logik der Redner folgen.

Kulturelle Anpassungen in der Dolmetschkabine
Ist das überhaupt machbar? Natürlich kann man nicht über alle Kulturen dieser Erde Bescheid wissen. Wenn man Zuhörer aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen hat, was vor allem bei Englischdolmetschern häufig der Fall ist, sind die Möglichkeiten der Anpassung sicherlich begrenzt. Je nach Sprachkombination hat man aber oft auch einen kleineren bzw. kulturell relativ kohärenten Kreis von Zuhörern, wo Anpassungen durchaus vorgenommen werden können.

Wirkungsäquivalente Kommunikation
Ein Bewusstsein darüber, ob ein Kommunikationsstil direkt oder indirekt, zirkulär oder linear ist, ob z.B. eine laute oder leise, hohe oder tiefe Stimme als angenehme empfunden wird, oder eine Aussage gegen kulturelle Konventionen verstößt und daher „abgeschwächt“ werden sollte, trägt ganz sicher zum Erreichen einer effektiven, wirkungsäquivalenten Kommunikation bei. Kulturellen Anpassungen sind beim Simultandolmetschen Grenzen gesetzt, aber „Platz für interkulturelle Kompetenz ist in der kleinsten Kabine“, so Regina Prokopetz.

Quelle: „Platz für Kulturvermittlung“, Artikel im MDÜ 2|2015 von Regina Prokopetz.

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